Filmreviews 2021

A Hero

Rahims Freundin findet eine Handtasche voller Münzen. Dies gleicht einem Wunder oder eher ein Märchen?! Mit diesem Geld könnte er einen Teil seiner Schulden abbezahlen und seine Haftstrafe verkürzen. Dabei könnte er auch noch seine Freundin endlich heiraten. Doch sein schlechtes Gewissen plagt ihn immer wieder und er entscheidet sich schlussendlich die Tasche der Besitzerin zurückzugeben. Als diese gute Tat ans Licht kommt, wird er als Held gefeiert. Journalisten und Fotografen stürzen sich auf ihn und möchten die Besitzerin kennenlernen. Jedoch bleibt sie unauffindbar. Schon nach kurzer Zeit beginnen die ersten jedoch, an der Geschichte des frisch gekürten Helden zu zweifeln.

Guter Ansatz, jedoch dauert der Film über zwei Stunden, was meiner Meinung zu langwierig daherkommt, leider. Die Geschichte ist zu wenig komplex, dass es zwei Stunden dafür gebraucht hätte und wird unnötig verkompliziert. Auch hat mir der Spannungsbogen komplett gefehlt. Schade.

Besetzung: Amir Jadidi, Mohsen Tanabandeh, Sahar Goldoost, Fereshteh Sadr Orafaie, Sarina Farhadi

Regie: Asghar Farhadi

Aloners

Die Protagonistin ( Jina ) wohnt in einem Ein-Person-Haushalt in eines der anonymen Wohnhauses in Seoul und arbeitet in einem Kreditkarten-Callcenter. Jeder Tag gleicht den anderen. Als Top-Mitarbeiterin bekommt sie eines Tages eine Auszubildende zugeteilt und muss sie widerwillig einarbeiten. Dies ist ihr gar nicht recht, da sie gerne eine unsichtbare Mauer um sich baut und allein sein möchte. Doch die Praktikantin schafft es Jina aus ihrem Trott zu reissen und ihre Situation zu überdenken. Ihr Leben wird durch verschiedene Facetten der Einsamkeit beleuchtet und zeigt die Beziehung zwischen den Generationen und asozialen Verhaltensweisen, die mit der Angst vor dem Alleinsein und dem Gefühl der Entfremdung am Arbeitsplatz verschmolzen wird.

Die Hauptdarstellerin Gong Seung-yeon gibt dem Film eine ruhige Atmosphäre, unterstrichen mit einer subtilen Kraft der Einsamkeit. In der Arbeitswelt haben wir uns so daran gewöhnt, sofort zu reagieren, zu antworten, zu entschuldigen, zu verteidigen, dass wir vergessen haben, verletzlich zu sein und für das zu akzeptieren, was wir sind. Vor allem haben wir vergessen, dass wir unsere Ängste mit viele anderen teilen und wir damit nie alleine sind auf dieser Welt. Der Film zeigt auf, dass Ehrlichkeit und Akzeptanz, wenn wir mutig genug sind, finden können. Aloners ist ein herausragender Debütfilm von der koreanische Regisseurin Hong Sung-eun.

Besetzung: Seung-yeon Gong, Da-eun Jung, Hyun-woo Seo, Jeong-hak Park, Hannah Kim, Mo-beom Kim

Regie: Sung-eun Hong

Bad Luck Banging or Loony Porn

Filmauftakt: Ein Paar nimmt sich mit einem Handyvideo beim Sexspiel auf und gerät in falschen Händen, was schlussendlich auf einem Pornhub hochgeladen wird. Die Lehrerin muss sich vor der ganzen Schule verantworten und dies ist der Beginn einer Lawine aus Empörung, Faszination, Voyeurismus und Neid. Hier kommt heuchlerisch eine Doppelmoral zum Vorschein. Das Schauspiel verläuft in drei Akten ins Groteske und Absonderliche. Anfangs sehr witzig, jedoch beinhaltet die Geschichte nichts Innovatives. Die Filmdauer viel zu lang – die Aussage bereits früh erkennbar.

Besetzung: Katia Pascariu, Claudia leremia, Olimpia Mălai, Nicodim Ungureanu, Alexandru Potocean

Regie: Radu Jude

Ballad of a White Cow / Ghasideyeh gave sefid

Ein eindrücklicher Film über den Kampf einer Frau, deren Ehemann unschuldig verurteilt und hingerichtet wurde, gegen den Justizapparat, die Bürokratie und das iranische Wertesystem. Das Gericht stellt ihr zwar eine finanzielle Entschädigung in Aussicht, doch will sich partout nicht für den Justizirrtum entschuldigen. Getragen von der brillianten Schauspielerin Maryam Moghaddam als Mina erhält man einen tiefen Einblick in das ohnmächtige Leben einer nun alleinstehenden Frau mit gehörlosem Kind. Jeder Tag ist ein Kampf, denn iranische Frauen können kein unabhängiges Leben führen, da in verschiedensten, alltäglichen Situationen eine männliche Begleitung und Aufsicht benötigt wird. Mina, einsam aber doch willensstark, bleibt ihren Grundsätzen treu und gibt nie auf. Ein fesselnder Streifen, bei dem man hilflos mit Mina mitleidet, mit einem Ende, das Raum für Diskussionen lässt.

Das nachfolgende Q&A am ZFF mit den beiden Regisseuren, Behtash Sanaeeha sowie Maryam Moghaddam, letztere ist gleichzeitig auch Hauptdarstellerin im Film, eröffnete einem einen faszinierenden und auch humorvollen Einblick in das Filme machen in Iran, welches ebenfalls einer endlosen Bürokratie unterworfen ist. Es dauerte nur schon vier Jahre, um eine Dreherlaubnis von den iranischen Behörden zu erhalten. Dies sei die einfachere Hürde aber noch nicht alles: Um den Film dann effektiv im Kino zeigen zu können, wird eine weitere Lizenz benötigt, welche von einem anderen Amt ausgestellt wird….oder vielleicht auch nicht! Für das ZFF war die Lizenz eigentlich noch ausstehend.
Die weisse Kuh im Filmtitel hat eine doppelte Bedeutung: einerseits steht sie in vielen Religionen ein Opfertier dar – im Film Mina’s zu Unrecht hingerichteten Ehemann. Auf der anderen Seite wird die zweite Sure im Koran, aus welcher sich viele islamische Gesetze und Gebote ableiten, auch die Kuh genannt.

Besetzung: Maryam Moghaddam, Alireza Sanifar, Pourya Rahimisam, Avin Purraoufi, Farid Ghobadi, Lili Farhadpour

Regie: Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam

Blue Bayou

Antonio (Justin Chon) kam einst als adoptiertes Kind aus Korea in die USA und wuchs in Louisiana auf. Jetzt lebt er am Rand von New Orleans, arbeitet als Tätowierer und bringt seine Familie mal besser und mal schlechter über die Runden. Mit seiner Frau Kathy (Alicia Vikander) und deren Tochter Jessie (Sydney Kowalske) ist ein gemeinsames Baby unterwegs. Wegen seiner Polizei-Akte hat Antonio Schwierigkeiten, Arbeit zu finden, weshalb Kathy so schnell wie möglich ihre Arbeit als Reha-Krankenschwester wiederaufnehmen möchte. Doch plötzlich holt Antonio seine Vergangenheit ein. Von zwei Polizisten angegangen, landet er im Gewahrsam und plötzlich droht ihm die Abschiebung, weil seine Adoptiveltern, seinen Status als US-Bürger nicht korrekt bei den zuständigen Behörden abgewickelt haben. Eine Odyssee beginnt für ihn und seine Familie.

Justin Chon, der als Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent von Blue Bayou auftritt, schrieb auch das Drehbuch selbst und befragte dafür fünf adoptierte Immigranten aus unterschiedlichsten Ländern. Die Idee zum Film Blue Bayou basiert auf einer wahren Geschichte, die Justin Chon von adoptierten koreanischen Freunden hörte, sowie weiterführender Recherchen in die Krise asiatischer Adoptivkinder. In den USA spricht der Child Citizenship Act aus dem Jahr 2000 allen im Ausland adoptierten Kindern eine amerikanische Staatsbürgerschaft zu. Dieses Gesetzt schützt aber nicht diejenigen, die 18 Jahre alt wurden, bevor es verabschiedet wurde. Sehr eindrucksvoll inszeniert und auf der Leinwand übertragen.

Besetzung: Justin Chon, Alicia Vikander, Mark O’Brien, Linh-Dan Pham, Sydney Kowalske, Vondie Curtis-Hall, Emory Cohen

Regie: Justin Chon

Boiling Point

Es ist ein sehr eindrücklicher Film über die Gastrokultur im Bereich der Haute Cuisine Restaurants. Philip Barantini zeigt gekonnt die Hektik und den Alltag vor und hinter der Restaurant Szene. Wie alle Mitarbeiter mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben, wie sie alle persönlich damit umgehen. Ein 90 minütiges Werk über eine Realität, welche für die zahlende Gäste im Restaurant verborgen bleibt.

Q&A:
Vieles ist biografisch aus dem Leben des Regisseurs. Philip Barantini hat einige Jahre im londoner Gastrobereich gearbeitet und die Atmosphäre im Film umsetzen können. Die Schauspieler mussten viel improvisieren, da sich der Regisseur auf einen One Take Film entschieden hat.
Man sich hat in Dialogen ausgeholfen, versteckt mit Zeichen auf den Einsatz aufmerksam gemacht. Das Team hat auf der Bühne einen sehr entspannten Eindruck gemacht und immer wieder betont, wie aufschlussreich und Spass sie auf dem Set hatten.

Besetzung: Stephen Graham, Jason Flemyng, Ray Panthaki, Hannah Walters, Malachi Kirby, Vinette Robinson, Alice Feetham, Taz Skylar, Izuka Hoyle, Lourdes Faberes

Regie: Philip Barantini

Drifting

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, findet Fai einen Platz an einer Straßenecke in Sham Shui Po, eines der ärmsten Viertel der Territorien, wo andere Obdachlose ihn herzlich aufnehmen. Doch viel Zeit zum Einleben bleibt ihm nicht. Unter Gewaltanwendung werden Schlafplätze geräumt, die Polizei verjagen die Randständige bald und all ihre Habseligkeiten werden ohne Vorankündigung in einen Müllwagen entsorgt. Die Gruppe findet schnell einen neuen Ort und bauen sich ein neues Zuhause auf. Die junge Sozialarbeiterin Frau Ho kämpft für das Recht der Schwachen und hilft ihnen dabei eine Klage gegen die Regierung einzureichen. Jedoch erinnert dieses Vorgehen traurigerweise an die Kämpfe von Don Quijote gegen die Windmühlen. Erst als jemand einen Selbstmord begeht, erhält die Gruppe Aufmerksamkeit von der Regierung. Der Film endet mit einem Hinweis auf einen tatsächlichen Fall aus dem Jahr 2012 und kommentiert, dass «Straßenschläfer» immer noch ungerecht behandelt werden.

Gedreht während der heftigen Proteste auf den Strassen Hongkongs ( durfte nicht gezeigt werden ) und vor dem Hintergrund des Kontrasts zwischen luxuriösen Hochhäusern und provisorischen Hütten unter Viadukten, malt Jun Li ein engagiertes, menschliches Bild einer Randgruppe, das Freundschaft und Solidarität, Konflikte und Tragödien zeigt..

Besetzung: Francis Ng, Kwan-Ho Tse, Loletta Lee, Cecilia Choi, Pak Hong Chu

Regie: Jun Li


El Buen Patrón

Blanco, der charismatische Besitzer eines Familienunternehmens, steht unter Druck, da er sich um eine lokale Auszeichnung für hervorragende Leistungen bemüht. Alles muss perfekt sein. Doch hinter der scheinbar perfekten Fassade des Unternehmens bilden sich Risse, als Blanco sich mit einem entlassenen Mitarbeiter herumschlagen muss. Der stellt sich quer und barrikadiert sich vor der Firma und boykottiert lautstark. Der bevorstehende Besuch der Kommission, welche entscheiden wird, ob die Firma den lokalen Preis für hervorragend Leistungen erhält, rückt immer näher. Um den Wettbewerb zu gewinnen, mischt sich der manipulative Chef (Javier Bardem) schamlos in das Privatleben seiner Angestellten ein und überschreitet dabei jede erdenkliche Grenze. Selbstverständlich bleiben Folgen nicht aus.

Der Film lebt von der Situationskomik und von unglücklichen Zufällen. Ein sehr kurzweiliger, lustiger Film mit einer brillanten Javier Bardem, der immerzu lächelt, während er von einer Krise in die andere stolpert.

Besetzung: Javier Bardem, Manolo Solo, Fernando Albizu, Tarik Rmili, Oscar de la Fuente

Regie: Fernando León de Aranoa


Hit The Road / Jadde Khaki

Die Anfangsszene: In einem Auto sitzt eine vierköpfige Familie, welche wir während des Films besser kennenlernen werden. Sie besteht aus unterschiedlichen Charakteren. Da ist die Mutter, eine ausdrucksstarke Person und das Aushängeschild der Familie, dann ihr älterer Sohn, nachdenklich und ruhig, der Vater, mit einem Gips am Bein, wirkt wie ein Fels in der Brandung, im Gegensatz zu seinem jüngeren Sohn (auch Plage genannt), der wie ein Wirbelwind durch den Film fegt. Seine unbändige Energie scheint grenzenlos zu sein, das hyperaktive Kind springt von da nach dort, vor und zurück. Diese Sprunghaftigkeit hat der Regisseur Panah Panahi mitgenommen und in den Szenenwechsel eingebaut. Von einem Moment geht es zum Nächsten, manchmal so abrupt, dass man als Zuschauer keine Zeit hat die neue Umgebung wahrzunehmen. Zwischendurch baut er ruhige Bildszenen ein, wo man die schroffe, iranische Landschaft bewundern kann und die zur Schnaufpause dient. Doch ehe man sich bewusst wird, sind die 93 Minuten vorüber und man merkt erst am Ende des Filmes, wie sehr die Familie dem Zuschauer ans Herz gewachsen ist und man selbst an deren Roadtrip teilgenommen hat.

Ein sehr gelungener Debütfilm von Panah Panahi mit einem grossartigen Schauspielerensemble. Der Star darunter ist zweifellos der Kinderschauspieler Rayan Skarlak. Er wirkt nicht aufgesetzt, verkörpert vielseitig das hyperaktive Nesthäkchen und nimmt die Zuschauer auf eine Achterbahn der Gefühle mit. Lacher garantiert.

Besetzung: Hassan Madjooni, Pantea Panahiha, Rayan Sarlak, Amin Simiar

Regie: Panah Panahi


Klammer – Chasing the line

Dieses heitere und sehr unterhaltsame Porträt des bodenständigen Kultskifahrers Franz Klammer feierte Premiere am Zurich Film Festival! Untermalt mit einem zeitlosen Soundtrack führt einem dieses Biopic in die Welt des Skisport der 70er Jahre und dem legendären Duell der beiden Volkshelden Klammer und Russi. Fokus liegt auf dem erst 22-jährigen charismatischen Abfahrtsläufer aus Mooswald/Kärten, der die Hoffnung von ganz Österreich auf seinen Schultern trägt. Mit viel Charme und gelegentlichem Augenzwickern fokussiert der Film ganz auf die Tage vor dem entscheidenen Abfahrtslauf der Olympischen Winterspiele vom 5. Februar 1976. Die Rivalität zwischen Klammer und Russi, welche bis heute Freunde sind, wird filmtechnisch nie für zuschauerheischende Zwecke ausgenutzt und stets natürlich und teilweise auch herzlich dargestellt. In einem etwas zweifelhaften Licht erscheint die Ski-Industrie, die nur auf Profit bedacht, die Wünsche der Rennfahrer gänzlich ignoriert, was jedoch einen stillen Rebellen wie Klammer nie von seiner Linie bringt. Ein sehenswerter Feel-Good-Movie, das zeitweise auch eine wenig Richtung Romanze abdriftet, aber nie kitschig wirkt.

Besetzung: Julian Waldner, Valerie Huber, Doris Dexl, Arnold Dörfler, Marii Weichsler, Raphaël Tschudi

Regie: Andreas Schmied


La Belle et la Meute / Beauty and the Dogs

In diesem Film spielt eine Uni-Studentin aus Tunis die Hauptrolle. Miriam lernt auf einer Party Youssef kennen. Beide verlassen gemeinsam die Party um sich am Strand besser kennenzulernen. Kurz danach gibt es einen Schnitt und man sieht Miriam durch die Strasse rennen. Die junge Studentin wurde von Polizisten vergewaltigt und versucht verzweifelt, in einem von Männern beherrschten System, eine Anzeige aufzugeben. Eine Odyssey mit Hindernissen beginnt, wo der Kinozuschauer durchaus mit den Protagonisten mitleidet. Was für die westliche Welt eine Selbstverständlichkeit ist, wird im Film als eine Ding der Unmöglichkeit.

Die Regisseurin erzählt ohne Hemmungen das Frausein in der arabischen Welt. La Belle et la Meute ist ihr zweiter Spielfilm und basiert auf einem realen Ereignis. Mit schonungslos ehrlichen Bildern wird die Geschichte dadurch untermalen und intensiviert

Besetzung: Mariam Al Ferjani, Ghanem Zrelli, Noomane Hamda, Mohamed Akkari, Chedly Arfaoui

Regie: Kaouther Ben Hania

La Hija / The Daughter

Irene ist schwanger und sitzt in der Jugendstrafanstalt. Sie hat offensichtlich ein Problem. Ihr Betreuer ( Javier ) meldet sie als vermisst und schleust sie illegal in seine eigene Familie ein. Dies aus reinem Eigennutz. Denn seine Frau kann nicht schwanger werden und er versteckt Irene, damit sie ihre Schwangerschaft austragen kann und ihnen das Kind überlassen wird. Im Gegenzug erhält sie ihre Freiheit. Anfangs tönt das nach einem ausgeklügelten Plan, nur ist ihm nicht bewusst, was für irreversible Probleme er sich und seiner Familie damit einfängt.

Eine sehr spannend aufgebaute Geschichte, unterstrichen mit Bildern von stimmungsvollen Bergwelten. Ein fesselnder Thriller aus Spanien!

Besetzung: Javier Gutiérrez, Patricia López Arnaiz, Irene Virgüez, Juan Carlos Villanueva, María Morales

Regie: Manuel Martín Cuenca

Lakewood

Das Skript dieses Thrillers erlaubte es, auch auf dem Höhepunkt der COVID-19 Krise im Sommer 2020 praktisch den gesamten Film zu drehen, denn für die One-Woman-Show von Naomi Watts konnte der Drehort zum Grossteil in die Wälder von North Bay, Ontario, knapp über die Grenze zur USA, wo absolutes Drehverbot herrschte, gelegt werden.
So wird der Film geprägt von wunderbaren Aufnahmen prächtiger Herbstwäldern, durch welche sich Naomi Watts quält, rennt, humpelt oder stolpert. Der grosszügige Einsatz von Drohnen lässt den Zuschauer über die farbigen Laubbäume gleiten, was zumindest am Anfang sehr eindrücklich erscheint.
Nach einer halben Stunde repetitiver Kameraeinstellungen von entweder Naomi Watts am iPhone oder besagten Wäldern fällt der Spannungsbogen jedoch allmählich in sich zusammen. Die Geschichte ist leider dermassen vorhersehbar, dass man sich schon bald das Ende herbeiwünscht. Zum Glück ist der Spuk auch bereits nach 84 Minuten vorbei.

Besetzung: Naomi Watts, Sierra Maltby

Regie: Philip Noyce

Lamb

Der Film handelt von einem Paar, welches glücklich, jedoch kinderlos, in Island lebt. Sie sind zufrieden mit ihrem Bauernhof und kümmern sich sorgevoll um ihre Schafe. Nichtsdestotrotz hegen sie schon lange den Wunsch endlich Nachwuchs in ihr eigenes Leben zu bringen. Als die Schafe nach und nach ihre Lämmer werfen, entdecken Maria und Ingvar unter diesen ein ganz besonderes Exemplar, das anfänglich viel Freude in ihr Leben, aber auch ein fatales Ende bringt…

Die isländische Atmosphäre ist gut in der Geschichte integriert. Es verleiht dem ganzen Film etwas Verstörendes und Bedrückendes. Die Geschichte ist bizarr, aber auch unterhaltsam.

Besetzung: Noomi Rapace, Hilmir Snær Guðnason, Björn Hlynur Haraldsson, Ingvar Sigurðsson

Regie: Valdimar Jóhannsson

Mass

Ein immens emotionales Regidebut von Fran Kranz, der auch gleich das Drehbuch geschrieben hat. Inspiriert durch den tragischen Amoklauf an der Parkland High School öffnet der Film die Türen zu einem gewaltigen Wechselbad der Gefühle, das niemanden unberührt lässt. Eine Tour-de-Force der vier Hauptdarsteller mit ergreifenden Nahaufnahmen, die das seelische Leid der Protagonisten sehr reell aber nie kitschig wiedergibt. Das zu tiefst beklemmende und aufwühlende Gespräch der beiden Elternpaare des Täters und des Opfer sechs Jahre nach einem Amoklauf zeigt deren Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts der unerklärlichen Tat. Der Film, gedreht in einem kleinen, hellen Raum unter einer Kirche in Idaho, gibt keine klaren Antworten, hinterlässt aber nachhaltige Fragen, die man noch lange nachspürt und ist äusserst sehenswert.

Besetzung: Jason Isaacs, Ann Dowd, Reed Birney, Martha Plimpton

Regie: Fran Kranz

Memoria

Seit Jessica ( Tilda Swinton ) immer wiederkehrendes Knallen hört, leidet sie an Schlaflosigkeit. Sie verlässt Schottland und begeht sich auf die Suche nach dem Ursprung und reist nach Kolumbien. Während ihres Aufenthalts begegnet sie Hernan, der Fischer, und verbringt vermehrt Zeit mit ihm am Fluss.

Mehr Handlung gibt der Film leider nicht wieder. ( Oder es entzieht meiner Kenntnis. ) Der Film ist sehr experimentell, spielt mit verstörenden Geräuschen, mit unendlich langen Bildeinstellungen und wenig Dialoge. Zudem fehlt mir einen Leitfaden und eine Geschichte. Somit fühlt sich die zwei Stunden an wie eine halbe Ewigkeit. Da erscheint der Schluss des Filmes wie die persönliche Erlösung.

Besetzung: Tilda Swinton, Elkin Díaz, Jeanne Balibar, Juan Pablo Urrego, Daniel Giménez Cacho, Agnes Brekke, Jerónimo Barón, Constanza Guitérrez

Besetzung: Apichatpong Weerasethakul

Mona Lisa And The Blood Moon

Im Mittelpunkt steht ein Mädchen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten, das aus einer Nervenheilanstalt ausbricht und sich in den hedonistischen Straßen des French Quarter wieder in das Chaos der modernen Zivilisation stürzt. Auf ihrer Reise begegnet Mona Lisa (Jeon Jong-Seo) eine Gruppe junger Rocker, wie sich später noch herausstellt, ihr sehr hilfreich sein wird. Dann begegnet sie die Stripperin Bonnie (Kate Hudson) und meint in ihr eine Freundin gefunden zu haben. Bonnie hingegen sieht das finanzielle Potenzial an ihr, ganz im Gegensatz zu Charlie (Evan Whitten), der Bonnie’s Sohn spielt.

Ana Lily Amirpour hat wieder geschafft eine düstere, ganz eigene atmosphärische Stimmung zu schaffen. Bereits im letzten Film «A Girl Walks Home Alone» ist ihr dies bestens gelungen. Nun folgt Mona Lisa & Blood Moon in einem guten Comic Stil ( aus den 1980er und 90er Jahre ), mit gutem Soundtrack unterlegt und mit viel Neonlichter entführt die Regisseurin uns Zuschauer in eine elektrisierende Welt.

Besetzung: Jeon Jong-seo, Kate Hudson, Craig Robinson, Ed Skrein, Evan Whitten

Regie: Ana Lily Amirpour

Noche Del Fuego (Prayers For The Stolen)

Die kleine Ana (gespielt von Ana Cristina Ordóñez González/Marya Membreño) lebt mit ihrer Mutter Rita (Mayra Batalla) in einem abgelegenen mexikanischen Bergdorf. Die meisten Männer des Dorfes sind monatelang weg, da sie weit weg vom Dorf arbeiten, um Geld nach Hause zu senden. Immer wieder fahren schwarze Geländewagen des Kartells durchs Dorf und verschleppen die jungen Mädchen im Teenageralter. Darum schneidet Rita seine Tochter die Haare, so dass man sie für einen Jungen hält und versteckt sie in einem Versteck, wenn das Kartell wieder vorbeifahren. Eines Tages verschwindet Ana’s Freundin…

Noche de Fuego handelt um Freundschaft, zeigt auf, wie schwer das Leben sein kann, wenn man – je nach Land – als das «falsche» Geschlecht geboren wird. Die Mädchen lernen von klein auf, dass Angst ein ständiger Begleiter ist und ein Leben neben der Korruption als eine Selbstverständlichkeit. Ein sehr bewegender Film mit schönen eindrücklichen Bildern.

Besetzung: Ana Cristina Ordóñez González, Marya Membreño, Mayra Batalla, Norma Pablo, Eileen Yáñez, Memo Villegas

Regie: Tatiana Huezo

Nothing to laugh about /Ingenting Å Le Av

Kasper ist ein erfolgreicher Stand-Up-Comedian. Er hat alles, was sich ein Mann wünschen kann: regelmäßige Auftritte in den besten Comedy-Club der Stadt, eine hübsche Freundin und er geniesst als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens viel Anerkennung. Doch eines Tages ändert sich alles schlagartig. Kasper wird entlassen, verliert sein regulärer Auftritt, und noch in derselben Nacht, als er nach Hause kommt, verlässt ihn seine Freundin. Wenn man denkt, dass sei der Tiefpunkt – es kommt noch schlimmer…

„Nichts zu lachen“ ist die herzerwärmende Geschichte von Kaspers Leben, der mit einer schweren Krankheit fertig wird, wie er ein neues Selbstvertrauen gewinnt und wieder zum Lachen findet. Eine Hymne an das Leben, mit viele schräge Charaktere, bespickt mit Situationskomik. Der Film ist das pure Gegenteil dessen Titels.

Besetzung: Odd-Magnus Williamson, Sara Khorami, Øystein Martinsen

Regie: Petter Næss

Official Competition / Competencia Oficial

Ein Gaudi, wie Antonio Banderas, Penelope Curz und Oscar Martínez ihre Zunft auf die Schippe nehmen. Mit überdrehten Inszenierungen wird fast jedes Klischee des Schauspieler-Handwerks mit einem Augenzwinkern dargestellt. Man kann sich jedoch durchaus vorstellen, dass es auf Sets auch im echten Leben zu ähnlichen Szenen kommen kann, was dann für die Beteiligten wohl eher bemühend ist. In diesem Film darf man aber desöftern herzhaft lachen. Wortgewaltige Dialoge und provokative Darbietungen vom feinsten…

Besetzung: Penélope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martínez, José Luis Gómez, Nagore Aranburu

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Petite Nature / Softie

In einer zerrütteten Familie wächst der kleine Johnny auf. Mit immer wechselndem Partner der Mutter, ewige Umzüge, sich ständig wechselnde Umgebung muss er sich zurechtfinden. In solch einer sich schnell ändernde Welt sehnt sich der 10jährige Johnny nach Halt, Sicherheit und insbesondere – Kontinuität. Als in der Schule der neue Lehrer, Herr Adamski, auftaucht und das Potenzial von Johnny sieht, fängt die verhängnisvolle Geschichte an. Johnny wird zum ersten Mal beachtet und gefördert. Auf der Suche nach einer Vaterfigur, wird die fragile Grenze zu der Vertrauensperson überschritten. Durch Verführung versucht Johnny dem neuen Lehrer seine Liebe zu zeigen. Anstatt auf Gegenliebe stösst er auf Ablehnung, ohne zu wissen, dass die erlaubte Grenze zwischen Lehrer und Schüler, überschritten wird.

Der Film basiert auf die Erinnerungen aus der Kindheit des Regisseurs. Ein hervorragendes Schauspiel von Aliocha Reinert unter der Regie von Samuel Theis.

Besetzung: Aliocha Reinert, Antoine Reinartz, Mélissa Olexa, Izïa Higelin

Besetzung: Samuel Theis

Pleasure

Die 19-jährige Schwedin Lynnéa (Sofia Kappel) hat den Traum in Los Angeles als Pornostar gross rauszukommen. Sie gibt sich im Kreise als Bella Cherry aus, wendet sich an einer Pornoagenten und wird in einer Wohngemeinschaft zu den anderen Mädchen untergebracht. Dort freundet sie sich mit Joy an, die ihr alles beibringt, was alles zum Job gehört. Während sie sich einlebt, ist Lynnéa auf Ava Rhoades (Evelyn Claire) fixiert, eine äusserst beliebte junge Darstellerin. Ava ist ein Star, denn sie ist das neueste aufstrebende „Spiegler Girl“. Eine Bezeichnung, welche die dafür bekannt ist, dass sie bei der Arbeit keine Grenzen setzt. Schnell wird Lynnéa klar, wohin ihr Weg führt. Lynnéa will die Beste werden und lässt schnell alle selbsterlegten Grenzen bezüglich des Szenendrehs hinter sich. Sie stürzt sich in Fesselspiele, Unterwerfungen, raue Sex-Rollenspiele und schließlich in die doppelte anale Penetration. Diese Entscheidung hinterlässt jedoch nicht ohne emotionale und psychologische Folgen.

Der Film wirkt ( besonders auf weibliche Zuschauer?! ) schockierend und es gibt mehrere Szenen, bei welcher man/frau sich zusammenreissen muss, um nicht frühzeitig den Kinosaal zu verlassen. Es lohnt sich jedoch den Film zu Ende zu schauen. Man würde vielleicht denken: Schon wieder einen Film über die Pornoindustrie, immer noch von Männern dominierte Branche, wo Frauen nicht selten niederträchtig behandelt werden. Aber dieser Film, erscheint mir sehr ehrlich und zeigt auf, wie auch in dieser Branche die heutige IT Handys und sozialen Medien eine Auswirkung haben.

Eine nette Zweideutigkeit bezüglich der Blauäugigkeit von Lynnéa: Bei der Einreise in die USA wird sie von einem Flughafenmitarbeiter gefragt, ob sie für einen Job oder zum Vergnügen da ist, was Lynnéa mit „Pleasure“ beantwortet. Ein Augenzwinkern in der sonst eher beklemmenden 109 minütigen Film.

Besetzung: Sofia Kappel, Revika Anne Reustle, Kendra Spade, Dana DeArmond, Evelyn Claire

Regie: Ninja Thyberg

Raging Fire

Ein spektakulärer und atemberaubender Aktion Blockbuster aus Hongkong mit Donnie Yen. Die Geschichte weicht von 0815 Hongkong Police kaum ab.

Hilfsbereiter Polizeibeamter, hohes Ansehen, Krimineller, Ungerechtigkeit, Aufdeckung usw. In Sachen Präsentation kann man an dem Film nichts aussetzen. Die Actionszenen sind schnell gedreht, sauber choreographiert und die Kampfszenen realistisch dargestellt. Schade, dass die Story schwach ausfällt.

Mit diesem Film verabschiedet sich leider Regielegende Benny Chan ( New Police Story ) aus dieser Welt. Er ist mit 58 Jahre an Nasenrachenkrebs, in seiner Geburtsstadt, gestorben und erlangte mit Jackie Chan’s Zusammenarbeit weltweite Berühmtheit.

Besetzung: Donnie Yen, Nicholas Tse, Lan Qin, Leung Wai Lui, Simon Yam

Regie: Benny Chan

Sabaya

Verstörender Einblick in eine der wohl gefährlichsten Herausfoderungen der Welt: Die sogenannten Sabayas (Sexsklavinnen) den Klauen der IS-Mitglieder im syrischen Flüchtlingscamp Al-Hol zu entreissen. Die Freiwilligen der kurdischen NGO Yazidi Home Center werden vom Regisseur Hogir Hirori hautnah bei ihren nächtlichen Rettungsversuchen begleitet. Man sitzt erschüttert auf der Kante des Sessels, denn es gibt kein SGI, kein Green Screen und keine Stunts. Jeder Schuss könnte ein Leben kosten, jede Verfolgungsjagd in der Wüste könnte tödlich enden. Keine Fehler sind erlaubt. Mit welcher Entschlossenheit die Mitglieder der NGO ihre traumatische Aufgabe wahrnehmen, ist in höchstem Mass lobenswert. Die enorme Tragödie wird mit diesem Film endlich in die Welt getragen und zieht hoffentlich eine nachhaltige Veränderung mit sich. Man hofft, dass die Benzos und Musks der Welt die Augen aufmachen….

Regie: Hogir Hirori

Silent Land / Cicha Ziemia

Anna und Adam verbringen ihren Sommer auf einer italienischen Insel. Ihr Tagesablauf besteht aus Joggen, Frühstücken, Nachtessen, Weintrinken und Sex, als dies durch einen Unfall jäh unterbrochen wird. Der angepriesene Pool ist defekt, wobei ein arabischer Poolarbeiter aufgeboten wird, um das Problem zu beheben. Ein Ärgernis, da jedoch die Mieter nicht betroffen sind, setzen sie ihren Urlaub fort. Noch wissen sie nicht, wie sehr dieses Ereignis ihren Urlaub beeinflusst wird. Nicht nur in ihrer Beziehung entstehen Risse, denn schon bald plagt sie das Gewissen – besonders schwer tut sich Adam mit dem Schuldeingeständnis. Trotz diverser Ablenkungen findet das Paar keine passende Lösung für den emotionalen Konflikt und ihre innere Zerrissenheit.

Der Film labt sich an sehr vielen subtilen Elementen. Nicht zufällig wurden Anna und Adam für diese Rolle ausgesucht, denn sie sind das perfekte Paar. Grossgewachsen und blond. Ihr Auftreten zeugt von stiller Macht, Wohlstand und Gleichgültigkeit gegenüber allem, was mit Menschen aus der Unterschicht zu tun hat. Die italienischen Inseln sind eine der wichtigsten europäischen Grenzen für Flüchtlinge, und das Militär durchstreift täglich durch das ausgetrocknete Land auf der Suche nach illegalen Gästen aus Afrika.

Besetzung: Dobromir Dymecki, Agnieszka Żulewska, Jean Marc Barr, Alma Jodorowsky, Marcello Romolo

Regie: Aga Woszczyńska

Swan Song

Pat Pitsenbarger ist Coiffeur in Ruhestand und wohnt in einem Pflegeheim. Sein Tag wird von Routinen beherrscht, das einzige Highlight des Tages ist das im Versteckten Zigaretten rauchen. Doch als er erfährt, dass der letzte Wunsch einer ehemaligen Stammkundin darin besteht, dass er sie für ihre letzte Reise frisiert, fasst er den Beschluss, den Job zu übernehmen. Als erstes muss er die Schönheitsutensilien einkaufen, welches er vor seiner Pensionierung genutzt hatte. Viele der Produkte werden nicht mehr hergestellt. Dies ist nur eines von den vielen Herausforderungen, welche Pat sich stellen muss, denn die Welt da draussen hat sich in der Zwischenzeit geändert.
Udo Kier brilliert mit grossartiger Schauspielkunst und trägt zum Erfolg des Filmes bei. 106 Minuten voller Witz, fulminantes Feuerwerk aus Farben und schwarzer Humor.

Besetzung: Udo Kier, Jennifer Coolidge, Linda Evans, Michael Urie, Ira Hawkins

Regie: Todd Stephens

The Electric Life of Louis Wain

Der Zeichner Louis Wain lebt mit seiner Mutter und fünf Schwestern in einem chaotischen Haushalt in London des 18.Jahrhunderts. Die Gouvernante Emily Richardson ( Claire Foy ) wird eingestellt und trotz ihrer Gegensätze verlieben sie sich ineinander und schon bald läuten die Hochzeitsglocken. Aufgrund des grossen Altersunterschieds und dass Louis weit unter seinem Stand heiratet, verlassen kurzerhand die Stadt und ziehen aufs Land, um den Tratsch und Stadtgespräch zu entfliehen. Er adoptiert eines Tages ein streunendes Kätzchen. Alles scheint in Ordnung zu sein, bis ein Schicksalsschlag Louis vor eine ganz andere Herausforderung stellt.

Die Rollen sind brilliant besetzt. Cumberbatch und Foy harmonieren in jeder Szene und tragen einen grossen Teil zum Filmgenuss bei. Dass Benedict Cumberbatch Spass an der vielschichtigen Figur von Louis Wain hatte, ist nicht zu übersehen. Ein Biopic über einen grossartigen Mann und Illustrator mit einem rastlosen Geist.

Besetzung: Benedict Cumberbatch, Claire Foy, Andrea Riseborough, Toby Jones, Sharon Rooney

Regie: Will Sharpe


The Last Bus

Tom lebt seit jeher am nördlichsten Punkt im schottischen Dorf. Der 90jährige hat das Dorf noch nie verlassen, geschweige denn ist er je verreist. Seine Frau ist vor Tagen gestorben und er erinnert sich an sein Versprechen, welches er ihr gegeben hat. Er hat ihr versprochen, ihre Asche zurückzubringen, dorthin, wo sie sich kennen und lieben gelernt haben. Diese Reise vom nördlichsten bis südlichsten Punkt Englands bewältigt der alte Mann mit öffentlichen Bussen. Er macht auf seinem Weg verschiedene Bekanntschaften, begegnet liebenswürdige Familien, hilfsbereite Leute, gerät aber auch in brenzlige Situationen.

Bespickt mit einem Lächeln, hat Gillies MacKinnon ein herzerwärmender Film um das Älter werden und die ewige Liebe gezaubert. Erinnert der Film uns nicht daran, dass wir alle irgendwie auf einer Reise sind?

Besetzung: Timothy Spall, Phyllis Logan

Regie: Gillies MacKinnon


The Last Duel

Frankreich ist von Gewalt und Verwüstungen des Hundertjährigen Krieges gezeichnet. Jean de Carrouges (Matt Damon) ist ein angesehener Ritter aus der Normandie, adeligen Geblüts und berühmt für seine Tapferkeit. Sein getreuer Freund Jacques Le Gris (Adam Driver), Sohn eines normannischen Gutsherrn, ist ein Knappe und dank seiner Intelligenz bei den Adeligen sehr (an)gesehen. Als Graf Pierre d’Alençon (Ben Affleck), Le Gris bei einem erbitterten Grundstücksstreit beisteht, steigt Le Gris’ Status und sehr zum Missfallen von Jean de Carrouges. Ihre Beziehung verschlechtert sich noch mehr als der Graf Le Gris zu seinem Verwalter ernennt. Carrouges wird schlussendlich sogar aus dem Hofe verwiesen, bezügliches seines rücksichtslosen Verhaltens. Doch Carrouges lässt sich von dieser Ungerechtigkeit nicht entmutigen und heiratet Marguerite (Jodie Comer), die schöne, kluge und willensstarke Tochter von Sir Robert de Thibouville (Nathaniel Parker). Ein Jahr später stellt Carrouges Le Gris seine Frau vor, und die beiden Männer sind sich einig, ihre Konflikte zu begraben. Als Carrouges, der weiter für sein Land kämpft, nach einer besonders schmerzlichen Niederlage heimkehrt, erfährt er, dass Marguerite von Le Gris brutal bedrängt wurde, was dieser jedoch abstreitet. Marguerite weigert sich zu schweigen und erhebt ihre Stimme, um ihren Angreifer anzuklagen.

Man denkt am Titel an die versehrten Körper in diesem Film, Tod und Verwüstung. Das Hauptanliegen des Regisseur Scotts liegt in die drei verschiedene Sichtweise der Charaktere. Das Ritter Duell ist nicht vordergründig zwischen Jean de Carrouges und Le Gris, sondern vielmehr zwischen den Geschlechtern. Hervorragendes Schauspiel von allen Darstellern.

Besetzung: Matt Damon, Adam Driver, Jodie Comer, Ben Affleck

Regie: Ridley Scott

The Man Who Sold His Skin

Sam Ali, ein junger, sensibler und impulsiver Syrer, verlässt sein Land um dem Krieg zu entkommen. Die Frau, die er liebt, wurde mit einem einflussreichen Diplomaten verheiratet und mit ihm nach Brüssel gezogen. Aber Sam sitzt als Flüchtling in Libanon fest, ohne Papiere geschweige denn ein Visum. Um die finanziellen Auslagen für eine Weiterreise nach Europa decken zu können, lässt er sich von einem gefeierten Künstler den Rücken tätowieren. Während er seinen eigenen Körper in ein prestigeträchtiges Kunstwerk verwandelt, muss Sam jedoch feststellen, dass seine Entscheidung alles andere als Freiheit bedeutet – trotz des Schengen-Visa, auf dessen Rücken prangt.

Regisseurin Kaouther Ben Hania hat auf eine reale Geschichte zurückgegriffen. Im 2006 hat der belgische Konzept-Künstler Wim Delvoye den Rücken des Schweizers Tim Steiner tätowiert und als Objekt an einen deutschen Sammler verkauft. Ein Extrembeispiel für die Absurdität auf dem Kunstmarkt, welches im Film sehr schön ins rechte Licht gerückt wird. Während das Gesicht des Protagonisten im Dunkeln liegt, wird sein Rücken im Scheinwerferlicht der Welt präsentiert und bestaunt. Der Film zeigt auf, wie käuflich und oberflächlich die Gesellschaft ist und liefert zugleich ein kontroverses Thema.

Besetzung: Yahya Mahayni, Dea Liane, Koen de Bouw, Monica Bellucci, Saad Lostan

Regie: Kaouther Ben Hania


The Lost Daughter

Maggie Gyllenhaal startet mit einem fulminanten Filmdebüt. Basierend auf dem Roman «La figlia oscura» von Elena Ferrante. Um sich ein paar freie Tage zu gönnen, reist Leda an die griechische Küste und lernt eine junge, lebensfrohe Mutter ( Dakota Johnson ) und ihre Familie kennen. Langsam, aber sicher ist es mit der Ruhe vorbei. Sie wird daran erinnert, wie sie als junge Mutter war und wird von den Schatten der Vergangenheit heimgesucht.

Olivia Coleman brilliert in ihrer Rolle. Gefühlvolles, starkes Kino!

Besetzung: Olivia Colman, Jessie Buckley, Dakota Johnson, Ed Harris, Peter Sarsgaard

Regie: Maggie Gyllenhaal

The Wolf And The Lion

Alma strebt als Pianistin absolute Perfektion an. Als sie erfährt, dass ihr Großvater verstorben ist, reist sie auf seine Privatinsel in den kanadischen Wäldern, wo sie einst aufwuchs. Im Wald befreit Alma eine weiße Schneewölfin aus einer Falle; bald darauf lässt die Wölfin ihr Junges im Haus von Almas Großvater. Obendrein rettet Alma einem Löwenbaby das Leben, das per Flugzeug in einen Zirkus gebracht werden sollte, ehe es in einer Gewitternacht zum Absturz der Maschine kam. Fortan wachsen die beiden bei ihr auf. Doch dann werden die Tiere wieder voneinander getrennt und eine Suche quer durch Kanada beginnt.

Trotz Kinderfilm überzeugt mich der Film nicht. Nur am Anfang lebt der Film vom «Jö»-Effekt der Löwen bzw. Wolfbaby. Das Geschehen ist nicht märchenhaft genug, die Geschichte zu lückenhaft. Die Naturbilder sind wunderschön, jedoch lässt sich eine gewisse Länge des Filmes dadurch nicht überspielen. Ob unsere kleinen Zuschauer auch meiner Meinung sind…?

Besetzung: Molly Kunz, Graham Greene, Charlie Carrick, Derek Johns, Rhys Slack

Regie: Gilles de Maistre

The Worst Person In The World

Julie wird dreissig und ihr Leben ist ein Chaos: Überwältigt von den vielen Möglichkeiten, die ihr offenstehen, kann sie sich weder beruflich noch privat festlegen und ihr älterer Freund Aksel – ein erfolgreicher Graphic Novel-Autor – drängt darauf, sich niederzulassen und um eine Familie zu gründen. Als Julie eines Nachts in eine Party platzt, lernt sie den jungen und charmanten Eivind kennen. Es dauert nicht lange, bis sie sich von Aksel trennt und sich, in der Hoffnung auf eine frische Perspektive für ihr Leben, in eine neue Beziehung stürzt. Er ist ebenfalls in einer Beziehung, und sie verbringen die Nacht damit, die Grenze zwischen Flirten und Betrügen auszutesten. Im Grunde genommen, bleiben sie auf der korrekten Seite dieser Grenze, auch wenn ihre Interaktionen immer heftiger werden. Jedoch fängt die Probleme erst an, denn niemand ist perfekt und in kurzer Zeit beginnt Eivind Julie zu langweilen und muss sich schmerzhaft eingestehen, dass Aksel zu intellektuell, Eivind wiederum nicht intellektuell genug ist.

Der dritte Film in der Joachim Triers’ Oslo-Trilogie ist ein humorvolles Drama über die Liebe in der heutigen Zeit und auch darüber, wie man sich trotz unendlichen Möglichkeiten wie der schlechteste Mensch der Welt fühlen kann.

Besetzung: Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum, Hans Olav Brenner, Helene Bjørneby

Regie: Joachim Trier

Time

Die Geschichte handelt sich um drei Auftragskiller, welche bereits in die Jahre gekommen sind und auch sie haben – wie alle Sterblichen – mit altersbedingten Problemen zu kämpfen. Dem Beruf treu bleiben, jedoch aus einem anderen Grund morden, bietet der 80-jährige Chau seine «Pflegedienste» der zahlenden Kundschaft an. Für Menschen, die einen Exit suchen, ist er die Anlaufstelle. Er führt professionell seine Arbeit aus und ist in der Szene hoch angesehen. Nun möchte aber eine Teenagerin, dessen Herz gebrochen wurde, für seinen Dienst bezahlen. Chau weigert sich eine so junge Person zu ermorden, welche noch das ganze Leben vor sich hat. Sie jedoch bleibt hartnäckig. Frau Fung, welche früher schnell mit Messer umgehen konnte, hat Mühe, einen Sinn im jetzigen Leben zu erkennen. Das jetzige Leben als wohlhabende Grossmutter ist entschieden anders als das Leben eines jungen, attraktiven Assassines. Immer wieder schwelgt sie in alten Erinnerungen. Der Dritte im Bunde, Fahrer Chung, versucht derweil vergeblich, die Liebe zu einer Sexarbeiterin zu finden.

Ein Film über verletzliche Menschen, verlorene Ideale und verpasste Chance. Auch schön wieder einmal die klassischen Hongkong-Evergreens zu hören. Sicherlich eine Reminiszenz für Expats oder Personen mit Bezug zu der ehemaligen, liebenswerten, britischen Kolonie.

Besetzung: Patrick Tse, Petrina Fung, Suet Lam, Suet Ying Chung

Regie: Ricky Ko

Unclenching the Fists

Ein Melodrama aus dem Kaukasus. Ada lebt mit ihrem Vater und den jüngeren Bruder zusammen und fühlt sich gefangen, wird überwacht und möchte sich nur zu gern aus den Fängen von ihrem Vater befreien. Ihre zum Teil selbst aufgezwungene Fessel halten sie jedoch bei der Familie zurück und steht der Freiheit im Wege. Denn sie selbst hätte die Kraft sich zu befreien. Leider ist dies leichter gesagt als getan. Tief in ihrem Innersten kann oder möchte sie nicht ausbrechen.

Einerseits gibt der Film dem Zuschauer das Gefühl, Ada hätte die Kraft sich zu widersetzen, andererseits dass sie ohne den Vater nicht zurechtkommt. Eine traurige Geschichte über einen Misslungenen Ausbruch aus der eigene Komfortzone. Die Regisseurin hat die Kulisse sehr passend zur Geschichte ausgewählt und unterstreicht perfekt die Trostlosigkeit dessen kleinen Bergbaustadt. Die überzeugende Schauspielkunst der fast ausschliesslich Laienschauspieler gibt dem Film eine persönliche Note. Indenpent Movie vom Feinsten.

Besetzung: Milana Aguzarova, Alik Karaev, Soslan Khugaev, Khetag Bibilov, Arsen Khetagurov, Milana Pagiev

Regie: Kira Kovalenko